Albert Camus: Der Fremde; rowohlt, 121 Seiten

Bei meiner Runde mit dem Hund erlebe ich fast jeden Tag eine Camus Situation. Da geht immer diese alte Frau mit ihrem langsamen, struppigen, hässlichen Hund an der Leine spazieren und beschimpft ihn in einem fort. Komm du, hör auf damit verdammt, du kleines Misstück. Genau wie der Nachbar von Meursault in Der Fremde. Salamano liebt seinen Hund, hässlich und alt, aber er beschimpft ihn die ganze Zeit als Biest und beklagt sich über ihn und zieht ihn hinter sich her. Erst als der Hund verschwindet, erkennt Salamano, dass er alles verloren hat, was er liebte, auch weil er nicht wusste, dass er es liebte. Das sind Binsenweisheiten. Sicher. Genau so wie manch anderes Motiv in dem Roman: So, dass Handlungen ohne Grund passieren und das Ereignisse keine Bedeutung haben und das diese Tatsache oder Erkenntnis die vermeintlich rationale Ordnung von Gesellschaften bedroht. Oder - Binsenweisheit Nr. 2 - Meursault wird zum Ende des Romans bewusst, dass die Welt bedeutungslos für ihn ist. Wie wir alle, ist er geboren, wird sterben und für die Welt keine langfristige Bedeutung haben. Der Tod als einzige Gewissheit. Aus heutiger Sicht, durch Talkshows und Psychoberatung und allerlei Ratgeber und Lebensphilosophien gestärkt, lockt das keinen mehr hinterm Ofen hervor. Aber damals, als das Buch erschien, waren die Gedanken und die Freiheit, mit der Camus sie in seiner Erzählung einbaut, ungeheuerlich. Und wahr sind sie ja noch immer. Nur dass uns heute nicht mehr Kirche und Gesellschaft davon abhalten, das zu fühlen und dementsprechend zu handeln, sondern der Konsum, die Arbeitarbeitarbeit und all die Geräte in unserem Leben. Und doch: Das erneute Lesen macht Freude, weckt das Denken - vielleicht weil die Hinweise so einfach wie bestechend sind, auch wenn unsere Welt sehr, sehr anders aussieht, als die, aus der Camus heraus schrieb.


Nach seinem Treffen mit einem Geistlichen, schon im Gefängnis öffnet Meursault sich der „zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt“. In diesem Satz steckt so viel Klugheit, auch heute noch. Ja darauf kann man ein Leben oder wie Camus, eine ganze Philosophie aufbauen. Und weitere Assoziationen und Denkanstöße gibt es auch: wie wir heute wieder vom „dem Araber“ sprechen als Fremden, obwohl wir uns selbst der Fremde sind (entrückt von der Idee, für etwas zu kämpfen wie „Freiheit“, Stichwort arabischer Frühling, Syrien). Oder wie man so durch sein Leben schreitet, dies macht, das nicht und einfach heiratet oder jemanden erschießt und auf die Frage „Warum“ vermutlich ähnlich unsicher antworten würde (oder gerade auffällig bestimmt), wie Meursault in diesem Buch.


Die kaschierte Gesellschaftskritik im Buch ist etwas lahm und wirkt aus heutiger Sicht überholt: Die Gesellschaft versucht in Form der Anwälte im Gerichtssaal in alle Handlungen von Meursault eine Begründung hinein zu interpretieren.. Das Gerichtsverfahren ist also zugleich ein Beispiel von Sinnlosigkeit wie der Versuch einer irrationalen Welt Rationalität aufzuzwingen. Stichwort der letzten Jahre: „Alternnativlosigkeit, Bankenrettung und Krise“. Gute Bücher werden nicht alt.