Albert Camus: Gesammelte Erzählungen, 251 Seiten

Die Klassiker sind mühsam manchmal. Vielleicht weil die Sprache sich verändert hat, auch die Aufmerksamkeit als Leser und Sprachverfolger. Wer alte Fernsehsendungen oder Reportagen anschaut, ist erstaunt über die langen, komplexen und anspruchsvollen Texte der Journalisten. Und ebenso geht es mit der Literatur. Dabei ist Camus noch einer der einfachen Franzosen. Vielleicht DER einfachste. Und zeitlos bestechend.  Aber die Welt und die Dringlichkeiten, die er beschreibt, wirken manchmal sehr weit weg in diesen Geschichten.


Der Sammelband enthält als lange Erzählung eine meiner Lieblinge: „Der Fall“. Darüber hinaus sechs weitere, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Zunächst aber wie „Die Pest“ oder „Der Fremde“ die berühmte Geschichte „Der Fall“: Ein gnadenloses, großartig komponiertes Stück Selbstbezichtigung und Entfremdung, Flucht und Erklärung eines Lebens. Ein ehemaliger Richter ist nach Amsterdam geflüchtet und zwingt einem Fremden in mehreren Monologen sein Leben auf, sein Scheitern und Wollen, seine guten Absichten und hohen moralischen Prinzipien - die alle an der Wirklichkeit scheiterten. Kann man nicht oft genug lesen.


Es folgt die Geschichte „Die Ehebrecherin“, die an „Der Himmel über der Wüste“ von Paul Bowles erinnert. Nur dass hier eine Frau auf einem nächtlichen Ausflug in einer Wüstenstadt sich selbst abhanden kommt. Die eigentümliche Welt des Kolonialismus, Frankreich als Macht in arabischen, maghrebinischen Ländern ist hier wie oft ein Thema.

So auch in der Geschichte „Der Gast“, bei der ein Lehrer in der Einöde der Wüste fast mönchisch lebt und nun gezwungen werden soll, einen Gefangenen Araber zu bewachen und am nächsten Morgen zu überstellen. Er ringt mit sich, seinem Gewissen. Gehört er schon so sehr zu diesem Land, gehört er eher zu „Ihnen“ oder den Seinen, ist er so unabhängig wie er will? Am Ende tut er wohl das Richtige, aber ist doch der Verlierer.

Wir sind eben, was man von uns sieht - die inneren Beweggründe, Zweifeln und Ängste sind unsichtbar, also beurteilt man den Anderen durch das, was er tut - oder was man glaubt zu sehen erzählt diese dichte Drei-Personen Geschichte.


Eine Art „Tonio Kröger“-Junger-Künstler-Geschichte wie von Thomas Mann wird in „Jonas oder der Künstler bei der Arbeit“ erzählt: ein unbekannter Maler, will nur malen und ist glücklich. Dann wird er berühmt und ist bald wegen Frau und Frauen, Familie und Gönnern und Freunden und Korrespondenz und politischen Anliegen und Empfängen und Gästen und Schülern und Gesprächen und und und immer weniger in der Lage zu arbeiten. Doch er schafft es und kämpft und ist zu allen nett, schlägt niemandem eine Bitte ab, verkauft, wird gelobt und gepriesen. Auch seine Frau ist ein Vorbild an Tugend, sie hält ihm wie alle guten „Künstlerehefrauen“ vollkommen den Rücken frei. Nur dass er schon längst mit dem Rücken an der Wand steht - künstlerisch gedacht.

Fast glaubt man eine Groteske zu lesen, der ironische Ton wechselt mit ernsthaften Einlassungen zur künstlerischen Arbeit. Dann wieder hält man den Mann für einen Naivling, der glaubt, er sei Maler. Am Ende läuft die Geschichte eines an Ruhm und Nettigkeit Gescheiterten auf die Punchline „solitaire“ (einsam) oder „solidair“ (gemeinsam) hinaus. Ein Wort, das auf dem letzten Bild des Mannes steht, aber nicht eindeutig zu identifizieren ist.

Die Geschichte kann sich nicht entscheiden zwischen Satire und kluger Beobachtung einer Künstlerexistenz. Sicher kann man auch Camus selbst erkennen in einigen Passagen, wie er vom Schriftsteller zur Berühmtheit und zum französischen Intellektuellen wurde, den jeder treffen wollte und der zu allem befragt wurde.


„Die Stummen“ vielleicht am ehesten eine typische und gelungene, weil nicht auf eine Pointe hin konstruierte Camus-Geschichte. Streik in einer kleinen Fabrik, die Reaktionen der Arbeiter und des Chefs, die Niederlage und der Stolz der Männer, echter Männer mit Herz und Willen. Das Ganze spielt auch wieder in einer kleinen Stadt und endet, wie es meist im Leben ausgeht: ungewiss und mit der Ahnung, dass von nun alles anders sein wird. Als Leser ahnt man es sogar etwas vor den Figuren. Die Stärke liegt in Andeutungen, statt Erklärungen, in Dialog statt Psychologisierung.


Die wichtigen Werke Camus bestechen durch ihre Dichte und Klarheit, sie sind konzentriert und treffend. Die hier versammelten Storys schaffen das nicht immer. Sie wirken doch eher wie Fingerübungen und Skizzen. Camus war eher Romancier und Philosoph als Short Story Schreiber.