Franz Dobler: Ein Bulle im Zug; Tropen 343 Seiten

Autos nerven Kriminalhauptkommissar Robert Fallner „wie lallende Besoffene“. Er hat Sehnsucht nach „dem weißen Hai“, dem ICE. Gerade hat Fallner viel Zeit „seine geliebten Monstermaschinen“ vom heimischen Balkon zu betrachten. Fallner ist außer Dienst, schon ziemlich lange. Er hat einen Jungen erschossen. Wer das war, warum Fallner abgedrückt hat, ja sogar wie oft er abgedrückt hat, das ist eine komplizierte Geschichte. Und selbst wichtige Details sind verworren und bleiben im Nebel – vor allem in Fallners Kopf. Deswegen hat er sich eine Bahncard 100 gekauft und will sich vom weißen Hai mitnehmen lassen, irgendwohin. Sogar seine Therapeutin findet die Idee gut. Ob das eine Flucht wird oder eine Reise zu sich selbst – egal. Loszufahren wäre der erste Schritt. Aber Fallner kämpft schon länger mit sich und findet nicht einmal den Mut zum Einsteigen. „Dann steig doch endlich in deinen Scheißzug nach nirgendwo“, brüllt seine Frau Jaqueline.


Klar ist in Franz Doblers „Ein Bulle im Zug“ erstmal nur eines: Der Bulle Fallner funktioniert nicht mehr, ebenso wenig der Mensch Fallner. Genauer gesagt funktioniert sein Kopf nicht mehr richtig. In dem spukt der tote Junge rum. Manchmal steht er sogar vor dem Kommissarwrack, quatscht dummes Zeug und macht sich lustig. Um es klar zu sagen und trotzdem nichts Wichtiges zu verraten: Der Junge ist ein ziemliches Arschloch, Fallner übrigens auch. Und Fallners Frau Jaqueline ist zwar kein Arschloch, aber auf jeden Fall eine Bitch. Noch schlimmer eigentlich, sie ist auch ein Bulle, ein Karrierebulle noch dazu. Sie liebt Knarren, aber sie hasst es, dass Fallner langsam aus dem Leim geht und anscheinend nichts mehr im Griff hat.

Ob Fallner nochmal etwas in den Griff kriegt, ist die große Fragen des Buches. Natürlich ist das Buch kein Krimi. Krimi ist eine große verklemmte Schublade, in die Verlage und Leser Bücher stopfen wollen. Hier geht es nicht um einen Fall, hier geht es um alles oder nichts. Robert Fallner ist ein Kriminalhauptkommissar und Kriminalhauptkommissare waren mal Respektspersonen, Stützen der Gesellschaft, die Fälle lösten und der Gerechtigkeit oder zumindest der Justiz dienten. Fallner dagegen ist außer Dienst, dient somit niemand und tastet sich mehr schlecht als recht voran. Ansonsten macht er Männersachen – saufen, über Frauen, obskure Musik und die Schlechtigkeit der Welt sinnieren. Wenn ihm einer blöd kommt, rafft er sich kurz auf, macht einen auf Bulle und verweist ihn in die Schranken. Er macht also Sachen, die Männer früher für Männersachen hielten, die aber schon immer nutzlos und vor allem lächerlich waren. Ab und zu findet er dann mal wieder ein kleines Teil des Puzzles der Geschichte über den toten Jungen – das Arschloch.


Franz Dobler hat schon einen Roman, Erzählungen, viel über Musik und eine erstklassiges Buch über Johnny Cash und die Countrymusik – „The Beast in Me“ – geschrieben. „Der Bulle im Zug“ ist schwärzer als der Man in Black. Kommissar Fallner ist genauso kaputt wie das Land durch das er dann doch fährt. Sogar die Eckkneipen in der Stadt gehen vor die Hunde und die wirklich Irren findet man in der tiefsten Provinz. Fallner, der tote Junge, die zickige Jaqueline und das ganze verfluchte Deutschland rutschen immer tiefer – der Hölle entgegen. Nichts geht, die Rettung ist fern. Aber Doblers Schreibe, die funktioniert in jedem Dialog, jeder Beschreibung und jedem Detail.

Steffen Wagner