Roz Chast, Can’t we talk about something more pleasant? Bloomsbury, 228 Seiten

Über das Altwerden redet man nicht so gerne, über das Krankwerden noch viel weniger und über des Sterben am liebsten gar nicht. George und Elisabeth wollen nicht einmal über das Altwerden reden, obwohl sie beide schon 78 sind, geboren am 23. März und 3. April 1912. Sie wollen auch nicht über das Krankwerden reden, obwohl sie schon nicht mehr so richtig gesund sind. Sie wollen nicht darüber reden, was ihre Pläne sind, „wenn mal was passiert“. Und vor allem wollen sie darüber nicht mit ihrer Tochter Roz reden. Sie wollen lieber über etwas Angenehmeres reden.

Und so verlässt Roz mit Ehemann und Kind 1990 New York und zieht nach Connecticut. Die Eltern bleiben in dem alten Appartement in Brooklyn, in dem sie seit ewigen Zeiten leben und in dem Roz aufgewachsen ist. Die alten Eltern besuchen die junge Familie regelmäßig „auf dem Land“, aber Roz setzt keinen Fuß mehr nach Brooklyn, elf Jahre lang – bis zum 9. September 2001, einem Sonntag. An diesem Sonntag besucht sie die Eltern. Das erste was ihr auffällt: Dreck. Nicht ein bisschen Staub oder so, sondern der Schmutzfilm, der entsteht, wenn lange, lange Zeit nicht mehr geputzt worden ist. Die Eltern sind fast 90, nichts Ungewöhnliches also. Die Überschrift dieses ersten Kapitels: Der Anfang vom Ende.


Das hört sich deprimierend an. „Can’t we talk about something more pleasant?” ist aber nicht deprimierend. Das Buch ist traurig, manchmal sogar sehr traurig. Manchmal ist es aber auch sehr komisch. Es handelt sich auch nicht um einen klassischen Familienroman, sondern um Erinnerungen von Roz Chast, der Tochter von George und Elisabeth. Sie ist eine der bekanntesten Cartoonzeichnerinnen und –zeichner der USA. Ihre Cartoons erscheinen seit über 30 Jahren regelmäßig im New Yorker. Also ist das Buch zu 80 Prozent ein Comic, hinzu kommen kurze Texte und Fotos. Wie gesagt beginnt das Ganze mit dem Anfang vom Ende. Roz zeichnet den Weg zum Tod und beschönigt nichts. Dazwischen schiebt Sie immer wieder Rückblicke. So entsteht ein sehr vielschichtiges Bild zweier Menschen, die fast 70 Jahre miteinander verheiratet waren und wie sie ihre Tochter geprägt haben.


Die Eltern sagen beide über sich: Wir sind eine feste, kleine Einheit. Natürlich sind wir voneinander abhängig. Ebenso natürlich sind sie vollkommen verschieden: George ist ein ängstlicher, sensibler Mann. Er ist handwerklich ungeschickt und hat Angst einen Toaster zu benutzen – und das nicht erst, seit er alt ist. Elisabeth ist praktisch, bestimmend, sie organisiert alles. Sie ist die Kommandantin der Familie und stolz darauf. Dass sich das auch mit 90 nicht ändert, ist nur logisch.


In diese feste kleine Einheit dringen jetzt zwei Dinge ein: Krankheit und Roz – die Krankheit zwangsläufig, Roz gezwungenermaßen. Die Krankheit zieht ihre Kreise so unbeeindruckt, wie es Krankheiten nun einmal tun. Roz schwankt zwischen Pamikattacken, Schuldgefühlen und zupackender Hilfe, wie es Kinder nun einmal tun, wenn die Eltern krank werden. Was in den letzten Lebensjahren der Chasts passiert, ist nicht ungewöhnlich. Erst langsamer, dann schnellerer Niedergang. Der normale Lauf des Lebens, wenn man nicht mehr so alt ist wie die aktiven Silver-Ager-Senioren in der Werbung, sondern einfach nur alt. Letzte Lebensstationen lassen sich auch so zusammenfassen: Im eigenen Appartement mit Hilfe, Seniorenappartement, Krankenhaus, Seniorenappartement, Krankenhaus, Pflegestation, Hospiz. Roz Chast zeichnet und erzählt alles das, öffnet aber den Blick auf viel mehr: Auf die feste kleine Einheit, die noch so gut funktioniert, wie es eben geht. Dann kommen die letzten Fragen, die letzten Tage und schließlich die allerletzten Tage – erst des Vaters, dann der Mutter. Es kommen auch die allerletzten Zeichnungen und Texte mit viel Empathie und wenig Sentimentalität.


Die Asche von George und Elisabeth bewahrt Roz in zwei kleinen Schachteln auf. In einer Schachtel ist ein marineblaues Säckchen aus Samt mit der Asche von George, in der anderen ein bordeauxroten Säckchen aus Samt mit der Asche von Elisabeth. Die beiden Schachteln stehen in Roz Chasts Schlafzimmerschrank auf dem Boden zusammen mit Schuhen, alten Kinderzeichnungen, Familienalben und Krimskrams. Ich finde das schön.

Steffen Wagner